Review< Zurück 24.03.2011

Diagonale 2011: 'Todespolka'

Von Max Werschitz

Immer mehr krisengebeutelte Europäer sehnen sich nach einem starken Mann, und im Mitläuferprofiland Österreich stellt Strache den Kanzleranspruch. Doch was wäre wenn eine rechtspopulistische Kraft wirklich so weit kommt? 'Todespolka' versucht sich nicht nur in einer Antwort, sondern ist wohl auch die erste österreichische B-Movie-Slasher-Trash-Politsatire.

Jö schau, ein Lynchmob!

Plopp. Das ist das erste Geräusch das man in Todespolka zu hören bekommt. Es entfährt dem Allerwertesten eines wohl nicht ganz so allerwertesten Mitglieds der "Bürgerpartei" als ihm seine Kellerdomina einen Dildo rauszieht. So viel Freude dem beleibten älteren Herrn das auch zu bereiten scheint, eines ist für ihn noch viel erregender: im Fernsehen läuft gerade die Siegesrede der Vorsitzenden seiner Fraktion, Sieglinde Führer, mit über 50% Stimmen in Kürze auf dem Weg ins Bundeskanzleramt. Und dort einmal angekommen will sie im Land aufräumen: Keine Gnade mehr für Asylanten, islamistische Terroristen, Gutmenschen und alles was sonst noch "staatszersetzend" wirken könnte. Verdoppelung der Polizeipräsenz bei gleichzeitiger Schaffung von Arbeitslagern für Kriminelle. Wiedereinführung von Todesstrafe und Schilling. Und damit da auch ja keiner reinreden kann, Austritt aus der EU.

6 Monate später sind diese Versprechen tatsächlich umgesetzt. "Wer sich nichts zu schulden kommen lässt, dem passiert auch nichts" ist das neue, von der Bürgerpartei ausgegebene Motto. Diese verbale Beruhigungspille steht gleichwertig mit flächendeckenden Propagandaplakaten ("Unser Land ist sicher! Durch chemische Kastration von Perversen und Kinderschändern", "Wollt ihr die totale Sieglinde?") in der verödeten österreichischen Geisteslandschaft. Dazu gibt es politisch durchinszenierte Volksmusiksendungen bis spät in die Nacht. Und die neue Rhetorik zeigt ihre Wirkung: Die Polizei ist nicht nur neu uniformiert, sondern kleidet sich auch in unverblümte Willkür. Und die "braven" Bürger nehmen gerne mal das (Un)recht selbst in die Hand – denn was gibt es schöneres als einen waschechten Mob? Das bekommen auch zwei Medizinstudenten, einer von ihnen mit afrikanischen Wurzeln, zu spüren. Was ein netter Abend mit Musik und ein paar gemütlichen Bier hätte werden sollen, endet in trautselig nachbarschaftlicher Lynchjustiz, bei der gleich noch ein paar andere offene Rechnungen mitbeglichen werden. Und aus dem Flatscreen ploppen dabei fröhlich die Polkamelodien der Sonnwend-Recken.

Zurück in die Kuhzunft

Sieglinde Führer"Ich sehe den Film über unser Land, das genauso gut jedes andere Land sein könnte, gar nicht so vordergründig politisch. Es geht viel mehr um die Fernwirkung politischen Handelns auf das Leben einzelner Menschen, die Populisten gar nicht zur Kenntnis nehmen können oder wollen" meint Drehbuchautor Stephan Demmelbauer über sein Werk. Und tatsächlich: die Geschichte konzentriert sich auf den Mikrokosmus eines Wiener Einfamilienhäuschengretzels und dessen herdentriebigen BewohnerInnen, wo die ferne Welt der nationalen Parteiideologie sozial wie filmisch hauptsächlich über das Fernsehen Einzug hält, und so eine gefährlich wiedergekäute Wirkung verbreitet.

Demmelbauer und Regisseur Michael Pfeifenberger präsentieren mit Todespolka so etwas wie eine trashige Mischung aus Muttertag und dem vierten Teil der Piefke-Saga, tagespolitisch unterlegt mit jener Absurdität die HC Strache in seinen Rap-Videos unfreiwillig zur Schau stellt. Der Trash-Faktor ist dabei durch ein geringes und völlig frei finanziertes Budget nicht nur eine Not, sondern wird in vielen Aspekten des Films auch gleich zu einer Tugend gemacht die der satirischen Überhöhung eine größtmögliche Spielwiese öffnet. Die Bildqualität ist dezent suboptimal, die Beleuchtung stellenweise schlampig, die Dialoge immer wieder nicht ganz so rund wie sie sein könnten, und die Geschichte folgt der platten Spannungslogik eines amerikanischen Teenie-Slashers. Lässt man sich jedoch auf all dies bewusst ein, so sieht man sich einem hochintelligenten, bitterbösen und blutigen Filmvergnügen gegenüber wie wir es in Österreich schon länger nicht mehr genießen durften.

A propos Österreich: während Todespolka in Deutschland bereits 2010, unter anderem bei den Hofer Filmtagen, frenetisch bejubelt wurde und inzwischen einen Verleih gefunden hat, sieht es bei uns auch für 2011 eher düster aus. Der kleine Kinostart im Topkino (Verleih Waystone) im Mai letzten Jahres musste teils selbst finanziert werden; Poool wollte den Film danach landesweit herausbringen, die Jury des Österreichischen Filminstituts (ÖFI) lehnte dies jedoch ab. Vielleicht ist es also an der Zeit dass wir den hiesigen Bossen den Stock aus dem Arsch ziehen. Plopp.

Trailer

Auf einen Blick

  • Jahr: 2010
  • Länge: 81 min
  • Regie: Michael Pfeifenberger
  • Drehbuch: Stephan Demmelbauer
  • Darsteller: Stefano Bernardin, David Wurawa, Alexander Pschill, Tamara Stern, Dieter Witting, Silvia Fenz, Michael Schuberth, Dennis Cubic
  • Webseite

Fazit

Meine Wertung:

 

Der dreiste kleine Kinomo

Bei uns müssen Cineasten nicht fasten! Hier erwartet euch Filmkritik wie man sie sonst nirgends lesen kann. Rede- und pressefrei liefern euch die kleinen Kinomos unregelmäßig aber unangepasst Reviews, Previews, Feature-Mos und ein dreistes Etwas zu einem ausgewählten kulturellen Spezialbock, der irgendwo auf der Welt geschossen wurde.

Impressum:
'Der dreiste kleine Kinomo' ist die non-profit Blogging-Plattform des Dreistil Filmverein (Graz, ZVR 262411928).