Review< Zurück 24.03.2011

'Howl' - Das Geheul

Von Nick Gruber

James Franco spielt den Dichter Alan Ginsberg, der mit seinem Geheule für den Sittenwandel steht, der mit den 1968ern seinen Klimax fand. Aber dieser Umschwung musste ja auch irgendwo seinen Anfang finden. Laut den Filmemachern bei einem Skandalprozess der eine ganze kulturelle Revolution auslöste.

Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs setzte für eine ganze Generation eine gewisse Perspektivenlosigkeit ein. Die Verlangsamung des Lebens und die neue Verbürgerlichung wurden nicht von allen Bevölkerungsteilen gleichsam gehorsam aufgesogen. Es entstanden die Beatniks, die "Geprügelten". Kreative Chaoten die in ihren Künsten an der bürgerlichen Sozialmoral aneckten. Weitläufig war die Bewegung auch als die Beat-Generation bekannt. Oder wie Allen Ginsberg im Film sagt: "Ah, es gibt keine Beat-Generation. Nur ein paar Leute die publiziert werden wollen."

Als der 29jährige Ginsberg 1956 sein Gedicht 'Howl' (Heulen) schreibt, tut er das in der Gewissheit dass es nie veröffentlicht werden würde. Das hatte den Nebeneffekt dass sein Vater nie erfahren würde was drinsteht, und er deshalb so schreiben könne wie ihm und seinen Junkie Nachbarn der Schnabel gewachsen war. Dementsprechend explosiv wirkte Ginsbergs neuartige Fekalsprache dann auf die Seele der amerikansichen Öffentlichkeit, als sich mit Lawrence Fanghetti schließlich doch ein mutiger Publisher finden ließ. Der Gedichtband 'Howl' war Gegenstand eines Verbotsverfahren was dem Inhalt dann genau jene Publicity verschaffte, die eigentlich verhindert werden hätte sollen. Und schon ging die Polarisierung los, Hipsters vs. Jesus Freaks.

Schwer im Film zu zeigen, was man auch im Leben nur fühlen kann.

Die gesamte erste Reihe des Casts, also James Franco (127 Stunden), Marie Louise Parker (Weeds, Red) und Jeff Daniels liefern glaubwürdige Darstellungen ihrer Vorbilder ab. Die Regisseure Rob Epstein und Jeff Friedman versuchen die schwer visualierbaren Gefühle und Konzepte in greifbare Bilder zu verwandeln. Dort wo die Schauspieler nicht mehr weiterhelfen können, springt die CGI-Animation in die Bresche.

Ginsbergs schwer kodierte Posie wurzelte in einer einzigartigen Wahrnehmung der Welt und erreichte über den kreativen Impuls aus Ginsbergs Gefühlswelt schließlich die Gemüter der Leser und Hörer. Diesen Impuls verglich der homosexuelle Ginsberg gerne mit dem Geschlechtstrieb. 'Howl' wird heute wie damals von niemandem in seiner Ganzheit verstanden, und doch bieten einzelne Passagen meistens genug Anhaltspunkte um das beschriebene gesellschaftliche Gesamtbild zumindest in seiner Tendenz zu erkennen. Dieser Hauch von Partizipation lässt viele mit Ginsbergs Gefühlswelt sympathisieren - es ist, als hätte man sich bemüht ein kleines Fragment einer Schatzkarte zu deuten. Die neugewonnene Einsicht hinterlässt einen angerührten Geist, überwältigt von der Möglichkeit welche großen Geheimnisse sich noch jenseits des Sichtbaren befinden könnten.

Doch genau dort stößt der Film auch an seine vom Medium selbst gesetzten Grenzen. Man kann nicht immer zeigen, was andere nur fühlen können. Das tut dem Effekt aber keinen Abbruch. Der Film bringt Allen Ginsberg dorthin, wo er vermutlich nie hingefunden hätte. Mein Vorschlag deshalb: Wer experimentierfreudig ist, nimmt im Idealfall ein paar kernige Emos und Loveparader in die Vorstellung mit. Da bleibt dann kein Auge trocken.

Trailer

Auf einen Blick

  • Jahr: 2010
  • Länge: 84 min
  • Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman
  • Drehbuch: Rob Epstein, Jeffrey Friedman
  • Darsteller: James Franco, David Strathairn, Mary Luise Parker, Jeff Daniels
  • Webseite

Fazit

Meine Wertung:

 

Der dreiste kleine Kinomo

Filme gehören besprochen. Kinomo! Du fängst an!