Die dreiste Glosse< Zurück 04.04.2009

Was haben die Zeugen Jehovas in Österreich mit Bill Mahers Doku Religulous gemeinsam?

Von Max Werschitz

In Kürze könnten die Zeugen Jehovas als offizielle Kirche in Österreich anerkannt werden. Viele greifen sich da zwar selbst ans Hirn, aber würden nie auf die Idee kommen ihre eigene etablierte Religion anzurühren. Bill Maher hat es gewagt, mit einer hochamüsanten Doku irgendwo zwischen Michael Moore, Borat und der Spanischen Inquisition.


Österreich, die Insel der Seligen

Glaube ist so eine Sache. Glaubt man zum Beispiel dem dafür zuständigen Kulturministerium, dann könnten die Zeugen Jehovas nach langem Kampf in wenigen Tagen als 14. offizielle Kirche in Österreich anerkannt werden. Der unappetitliche Sektennimbus würde sich dann, so hoffen die knapp 23.000 Mitglieder wohl, wie einst der brennende Dornbusch in Rauch auflösen. Und diese tapferen Soldaten Gottes könnten dann Passanten nicht nur durch ihren Glauben, sondern auch durch das Gesetz gestärkt weiterhin stoisch den 'Wachtturm' ins Blickfeld des ihrer Meinung nach von Satan geprägten Alltagstrubels halten. Doch das sind natürlich nur peanuts gegen die wahren Vorteile: steuerliche Begünstigungen winken ebenso wie eventuell die Möglichkeit den eigenen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen unterzubringen. Schließlich ist rechtzeitige und umfassende Indoktrination die Weapon of Mass Destruction einer jeden Glaubensgemeinschaft.

Zu diesem Thema gab es gestern im ORF eine Am Schauplatz-Sendung, die Reportagenmaterial von 1996 mit einigen frisch gedrehten Interviews kombinierte um die aktuelle Brisanz der Situation zu beleuchten. Einige der seltsameren Glaubenspostulate der Gemeinschaft kamen dabei natürlich nicht zu kurz: Die Zeugen Jehovas sind davon überzeugt dass das Ende der Welt nahe ist (nur inzwischen legen sie sich nicht mehr datumsmäßig fest). Sie sind davon überzeugt dass sie in Kürze Seite an Seite mit exotischen Früchten und gefährlichen Raubtieren in einem irdischen Paradies lustwandeln werden (so zeigen es die kindlich-naiven Zeichnungen in ihren Publikationen). Und sie sind überzeugt davon dass Bluttransfusionen eine in der Bibel ausdrücklich verbotene Sünde sind (und würden sogar ihre eigenen Kinder deswegen sterben lassen).

Alles Humbug, sagt da natürlich der aufgeklärte Österreicher auf der Straße. Eine Gefahr für die Allgemeinheit, murmelt da der Sektenforscher hinter seinen Büchern. Und sie alle vergessen dabei bequem eine einfache Tatsache: dass auch die bei uns bereits etablierten großen Religionen in Punkto (pardon!) himmelschreienden Unsinn den Zeugen Jehovas in nichts nachstehen. Sprechende Schlangen und Kreationismus statt Evolution? Aber natürlich! Ein Rudel Jungfrauen nach einem Selbstmordattentat? Selbstverständlich! Lieber tausende AIDS-Tote in Afrika statt Gutheißen von Kondomen? Ja was haben Sie denn gedacht!

 

Religulously delicious

Die amerikanische Fernsehlegende Bill Maher hat sich anscheinend auch etwas gedacht. Und sich in einer eigenen kleinen Glaubensgemeinschaft mit Borat-Regisseur Larry Charles zusammengetan um uns mit dem Film Religulous die Augen ein Stück weiter zu öffnen. Religulous läuft offiziell unter der Bezeichnung "Dokumentation", ist in Wirklichkeit aber mehr eine Mischung aus einem Roadmovie mit Moore'schen Selbstdarstellungseinschlägen und einer Outdoor-Talkshow mit Borat'scher Passiv-Aggressivität. Was dabei jedenfalls nicht zu kurz kommt ist der Humor: der Film ist vor allem eine ebenso bitterböse wie (wahn)witzige Abrechnung mit Christentum, Islam, Judentum und co. Und das natürlich meist auf Kosten der "Interviewten". Maher bereiste die Vereinigten Staaten, Europa und den Mittleren Osten um Gläubige aller couleur mit den Ungereimtheiten ihrer Religion zu konfrontieren. Ein paar Highlights gefällig?

Maher besucht das Creation Museum in Petersburg, Kentucky. Dort wird den Interessierten unter anderem anhand von lebensgroßen Puppen gezeigt wie die erst vor wenigen tausend Jahren (die Bibel sagt's!) gottgeschaffenen Menschen einst friedlich mit den Dinosauriern zusammenlebten. Man beachte den kleinen Triceratops im Eck, er trägt einen Sattel.

Weiter geht's zur Holy Land Experience in Orlando, Florida, dem Disneyland für devote Christen. Dort darf Jesus nicht nur sterben, sondern auch singen: neben der täglichen ebenso eifrig beklatschten wie fotografierten Neuinszenierung der Kreuzigung Christi (inkl. Schläge durch römische Soldaten und reichlich Kunstblut) gibt es als Live-Unterhaltung auch die eine oder andere Musical-Nummer.

In Salt Lake City, Utah spricht Maher mit zwei jungen Männern die bei den Mormonen ausgestiegen sind. Dass Gott als stinknormales fleischliches Wesen irgendwo auf einem anderen Planeten lebt und mit Maria Sex hatte um Jesus zu zeugen, und dass Jesus schon vor langer Zeit nach Amerika zurückgekehrt war um die Ureinwohner zu bekehren (und dass der Garten Eden in Missouri liegt), das war ihnen dann doch zu blöd.

In Israel diskutiert Maher mit einem Rabbi der es sich zu Berufung (und Bereicherung) gemacht hat abstrus komplizierte Apparaturen zu entwickeln um es strenggläubigen Juden zu ermöglichen am Sabbath auch wirklich keinen bei Todesstrafe untersagten Finger zu rühren.

In Amsterdam plaudert Maher mit dem britischen Muslim und Rapper 'Propa-Ghandi' der es nicht ganz versteht dass die 1989 offiziell ausgesprochene fatwa gegen Salman Rushdie, also im Prinzip eine Todesdrohung gegen einen Autor wegen eines Buches, problematisch sei. Das muss man halt differenziert sehen, meint er; Religion ist komplizert.

In Miami interviewt Maher einen gewissen José Luis de Jesus Miranda, der zuerst behauptet die direkte Wiederkehr von Jesus Christus zu sein, dann aber doch einlenkt er wäre "nur" ein blutsverwandter Nachfahre, aber auch egal, jedenfalls hat er über 100.000 gläubige Anhänger (und Anleger).

Und so weiter und so fort. Der bekennende Agnostiker Maher kämpft sich während des Films durch ungewöhnliche Locations und noch ungewöhnlichere Behauptungen; er diskutiert, streitet und lacht mit und über die Leute und macht sich bei den Autofahrten dazwischen vor laufender Kamera so seine Gedanken. Dabei gibt er auch einiges über seine eigene Vergangenheit und religiösen "Erfahrungen" preis. Im Laufe von 'Religulous' entsteht ein etwas konfuser aber erhellend-erheiternder Fleckerlteppich von Kuriositäten und Meinungen, durchsetzt von sarkastischen Texteinblendungen und pointierten Einspielungen diverser Filmausschnitte, bevorzugt Bibelschinken. Am Ende erwartet den Zuseher fast wie die eigentlich zu vermeidende heilsbringende Botschaft eine etwas zu pompös geratene Abhandlung Mahers über die Gefahr von Religion für unsere Gesellschaft.

Was nach dem Abspann (übrigens passenderweise zum Lied "We're on a road to nowhere") bleibt ist eine Mischung aus Staunen, Lachen und Grübeln - oder schaumspuckender Verachtung, falls man wirklich religious ist anstatt das Ganze eben wie Maher als religulous einzustufen. Da dürften sich dann jedenfalls echte Christen, Juden, Muslime und co mit den Zeugen Jehovas einig sein. Willkommen in der Gemeinschaft!

 

 

Meine Wertung:
4 Kinomos